Warum man im Museum mehr tun müssen dürfte, als erlaubt ist

von Sabine Scherz

Neulich stellte ich in einer Runde meinen Gesprächspartnern die Frage, was sie mit „Sitzen“ und „Museum“ verbinden würden. „Wenn kein Sitzen möglich ist“, so eine Aussage, „dann wird die Suche nach Sitzgelegenheiten zum Thema.“ „…wenn man neidisch wird auf die Stühle des Aufsichtspersonals…“, „…essen!“ „Ich kenne ein Haus, da gehe ich nur wegen des Museums-Cafés hin. Die haben so guten Kuchen!“ „Manchmal bekommt man nichts Gescheites zu Essen dort, ganz schrecklich. Mit leerem Magen – das geht gar nicht.“ „… Musik gibt’s da auch keine.“ „Also ich würde meinen Hund gerne mitnehmen.“

Häh????

Sitzen? Essen? Musik? Tiere mitnehmen? Ja wo sind wir denn?

Aber fangen wir von vorn an: Was tun Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wenn sie nach Hause kommen? Brauchen Sie erstmal was Schönes zu essen? Hören Sie dabei Musik? Ich nehme an, dass Sie nicht im Stehen essen, sondern dabei sitzen. Und falls Sie ein Tier haben, bekommt das doch sicher zunächst ein Stückchen Aufmerksamkeit von Ihnen. Vielleicht gehen Sie mit dem Hund raus oder geben Ihrer Katze etwas zu fressen. Was hat das alles gemeinsam? Sie kommen zu sich und entspannen sich. Sie schalten einen Gang runter. Psychologisch betrachtet wechseln Sie von Ihrer rationalen Seite, die Sie im Beruf oft bevorzugt brauchen, auf die Gefühlsseite. Nicht komplett, den Verstand braucht jeder, aber tendenziell befinden Sie sich in einem anderen Modus oder haben zumindest in einer entspannten Situation leichter Zugang dazu. Dieser Modus ist mit positiven Gefühlen verbunden [1] und Begeisterung ist dabei ein starkes positives Gefühl, welches Lernen enorm erleichtert, ja eigentlich erst möglich macht. [2]

Bilder sprechen unsere Emotionen an. Gefühle, positive wie negative, die wir bei einem Ausstellungsbesuch hatten, bleiben lange im Gedächtnis. Wie geht es Ihnen mit guten und schlechten Erinnerungen an Ausstellungen? Was ist für Sie ein „schöner“ Museumsbesuch? Unangenehm waren Ausstellungen für mich, in der sehr viele Besucher gleichzeitig waren. Da denke ich an die Menschenmenge zurück, aber nicht mehr an die Ausstellungsstücke. Und dann erinnere ich mich an eine Ausstellung im MMK in Frankfurt 2013 mit Werken von Rineke Dijkstra. Da habe ich auf einem watteweichen Teppich gelegen und so viel Dijkstra gesehen, wie ich es sonst nie hätte. Ich habe sogar jetzt gerade die Art der Videos, die gezeigt wurden, vor Augen. Ohne Teppich wäre ich vorbei gelaufen.

Was könnten Museen also tun, damit Besucher ihre positiven Gefühle aktivieren können? Damit der Besuch einer Ausstellung zu einer Lernerfahrung wird?

Besucher zu begeistern, das wäre wichtig. Das tun Museen durchaus. Weitere Möglichkeiten liegen in den digitalen Kommunikations- und Vermittlungsmethoden, die die Menschen ansprechen und bei denen sie mitmachen können. Der Tweetup mit David Shrigley in der Pinakothek der Moderne (LINK: http://kulturkonsorten.de/tweetups/tweetup-shrigley-pinakothek), über den die Kulturkonsorten berichteten, war so ein Ereignis für mich. Sogar der Besuch des Louvre verblasst dagegen, wenn ich so zurückdenke.

Unterstützend wirken beim Moduswechsel auf jeden Fall bequeme Sitz- und Liegegelegenheiten. Denn wenn man seinen Körper merkt, kann man sich von der Ausstellung nichts merken. Café trinken im Museum? Kuchen essen? Gar picknicken? Warum denn nicht? Bislang sind die Cafés meist von den Ausstellungsräumen getrennt. Was wäre, wenn man das mehr verbinden würde? Und Musik? Nein, nicht über Kopfhörer sondern hörbar für alle. Wo geschieht das bereits, weiß das jemand? Wie wird das angenommen?

Am 1.4. habe ich über den Sender rbb Kulturradio die Nachricht gehört, dass der Berliner Zoodirektor Andreas Knieriem für das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss lebende Tiere zur Verfügung stellen würde, um die Ausstellung dort zu bereichern. Vielleicht ein Aprilscherz, sollte man diese Nachricht doch unter das soeben Gesagte stellen. Und dann wäre die Idee meines Erachtens ein Ansatz, Museum neu zu denken. Kunst gehört zum Leben und ins Leben hinein!


Sabine Scherz ist Kunstpädagogin und promoviert in Digitaler Kunstgeschichte bei Prof. Hubertus Kohle an der LMU München. Sie forscht an dem kunstgeschichtlichen Tagging-Spiel ARTigo und interessiert sich für institutionelle Lernprozesse. Außerdem betreibt sie ihr wissenschaftliches Games-Blog und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen an Schulen in den Fächern Kunst und Medienerziehung.


[1] Julius Kuhl: Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie. Motivation, Emotion und Selbststeuerung, Hogrefe 2009
[2] Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, Fischer 2013s