Ordnungen im Museum: Die museale Konstruktion sozialen Sinns

von Dr. Vanessa Schröder

Die Frage nach der Ordnung der Dinge im Museum rückt die Art und Weise, wie sozialer Sinn in Museen konstruiert wird, in den Fokus. Die Konzeption einer Ausstellung bildet ihre Strategie, Materielles zu organisieren: sie ist die strukturelle Identität einer Ausstellung. Räumliche Anordnungen, die Herstellung von Synopsen, Sequenzierungen, Hierarchisierungen oder die Isolierungen von Exponaten sind Ausstellungstrategien, die kulturelle Muster etablieren. In der Moderne z.B. wurde der konzeptualisierte lineare Verlauf historischer Zeit in Ausstellungen vergegenständlicht. Vergangene Zeit, per se nicht greifbar, wurde in musealen Ordnungen gegenständlich repräsentiert und derart materialisiert. Museen schaffen so Ordnungsmuster als kulturelle Latenzen, die wiederum die kognitiven Konzepte ihrer Besucher prägen. Latenzen sind kulturelle Selbstverständlichkeiten, die jedem als solche unhinterfragt einleuchten: diese Ordnungsmuster sind es, über die Ausstellungen sonst nicht sprechen.
Museen rahmen den Horizont des kulturell Möglichen hin zum kulturell Etablierten: Museen wählen für ihre Sammlungen aus, was als historisierte Vergangenheit zugänglich bleibt und Kuratoren bestimmen, wie dieser Ausschnitt der Vergangenheit rezipiert werden kann. Michel Foucault untersuchte in Die Ordnung der Dinge solche kulturellen Latenzen, die als Ordnungsmuster die Wissenschaftsgeschichte durchziehen. Er ist mit der Veränderung von Wissensordnungen, mit Politiken der Wahrheit befasst, die in der Aufklärung universal zu sein beanspruchte.
Postmoderne, zeitgenössische Ausstellungen greifen dies auf, indem sie weniger klar Ordnungen vorgeben. Sie überlassen es den Besucher_innen selbst, wie sie Ausstellungen rezipieren: Lerntypen unterscheiden sich und hängen vom individuellen Vorwissen der Rezipienten ab. Sie lassen offen, in welcher Reihenfolge Objekte wahrzunehmen sind: Besucher_innen habe ihre je eigenen Relevanzen nach denen sie auswählen. Postmoderne Ausstellungen unterlassen es demnach, Sinn latent vorzustrukturieren. Sie geben keinen strikten Kanon vor, sondern berücksichtigen, dass Rezeption, Lernen und Erinnerung so individuell sind, wie die Besucher_innen selbst. Postmoderne Ausstellungen gelten mithin als offener für Kritik, verschiedene Sichtweisen und die Freiheit der Interpretation. Museen werden demnach als plural und damit demokratischer verstanden, wenn sie Besucher_innen stärker einbinden.

Besucher_innen: Die Ordnende Rezeption musealer (Un-)Ordnung
Wie Museen verstanden werden, macht erst deutlich, wie diese kommunizieren. Besucher_innen bringen ihre Konzepte und Schemata, die kognitiven Ordnungsmuster, mit denen sie eine Ausstellung „lesen“, bereits mit. Die Ordnung der Dinge liegt letztlich im Auge des Betrachters.
In der zugrunde liegenden Studie wurden Besucher_innen von vier historischen Museen, dem Historischen Museum am Hohen Ufer in Hannover, des Jüdischen Museum Berlin, des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und des Deutschen Historischen Museums in Berlin (n = 492) umfassend, u.a. durch Nutzung bestimmter Fragetechniken, befragt. Ziel war es herauszufinden, welche Ordnung sie in den Museen realisiert sehen bzw. mit welchen kognitiven Konzepten sie das Museum rezipieren.
Soziologisch lassen sich empirische Belege anführen, dass die Wahrnehmung von Ordnung je nach Besucher_in variiert. Dieselben Objektarrangements, dieselbe Ausstellung werden unterschiedlich rezipiert und bewertet. Eine Ordnung, Struktur und Systematik wird darin aber zumeist unabhängig von der jeweiligen Ausstellung erkannt.
Der Oberbegriff „ordnende Rezeption“ wurde für verschiedene ermittelte Rezeptionsformen der Besucher_innen geprägt, die ihr Verstehen, ein Einordnen von Informationen in Zusammenhänge in unterschiedlichem Ausmaß „geordnet“ beschreiben:

  • Reflexion (n = 48),
  • Kontextualisierung und Rekonstruktion (n = 43),
  • Selektion/selektive Rezeption (n = 59),
  • Erinnerung (n = 153),
  • Entdecken und Stöbern (n = 62).

Zumeist verzichten Besucher_innen mit ihren Erinnerungen und indem sie in Ausstellungen Entdecken und Stöbern auf eine strikt geordnete Rezeption. Andere sind für ihre Reflexion und Kontextualisierung und Rekonstruktion darauf angewiesen, auf eigene oder museale Ordnungsmuster zurückzugreifen.
Die Studienergebnisse belegen weiter, dass wenn in den vier Museen jemand eine Museumspräsentation als geordnet erlebt, er diese Ordnung für sich selbst übernehmen kann, aber nicht muss. Eine Besucherin kann dieselbe Ausstellung gleichzeitig als relativ ungeordnet wahrnehmen. Während der eine Besucher stärker von Ordnung angeregt wird, Sinn für sich ganz persönlich neu zu ordnen, wird ein anderer dazu vielleicht durch eine eher ungeordnete Präsentation angeregt. Dieselbe Ordnung wir also von Besucher_innen unterschiedlich und z.T. konträr verstanden.

Resümee
Für eine museale „Ordnungs-Praxis“ erscheint es wichtig, die Besucher_innen einzubeziehen und zu berücksichtigen, wie diese rezipieren. Bildung sollte die Besucher_innen ermächtigen, kritisch eigene Einschätzungen zu gewinnen, ohne dabei allein vorgegebenen Ordnungsmustern zu folgen. Besucher_innen können im Museum lernen, wie mit Ordnungsmustern reflexiv umgegangen wird.
Museen sind in einer offenen und pluralen Gesellschaft Orte der Alterität: Sie konfrontieren Besucher_innen mit etwas gegenüber seiner Gegenwart zeitlich und/oder kulturell Andersartigem. Sie geben ihm einen Kontext, sich selbst und das eigene Leben in Geschichte einzuordnen. Ordnungen in Ausstellungen ermöglichen den Besucher_innen einen eigenen Zugang zu Geschichte zu finden, eine Reflexion über das eigene Leben im Rahmen der ausgestellten Geschichte. Verschiedene, alternierende Ordnungen im Museum bieten den Besucher_innen u.U. dabei die Option über kulturelle Latenzen, unhinterfragte Selbstverständlichkeiten und blinde Flecken, sowie über die eigenen kognitiven Konzepte und Schemata zu reflektieren.


Dr. Vanessa Schröder ist freiberuflich im Bereich Besucherforschung und Kulturevaluation tätig. Sie studierte an der Universität Bielefeld Diplom-Soziologie, Schwerpunkte Organisations-, und Managementsoziologie. An der Universität Duisburg-Essen promovierte sie und lehrte sie als Kultursoziologin.