Einige Bemerkungen zum studentischen Projekt „Offen gefragt“

Wovon Ausstellungen unter bestimmten Bedingungen sprechen
von Prof. Dr. Karen Ellwanger

Ein zentrales Ziel des Oldenburger Master-Studiengangs „Museum und Ausstellung“ ist es, Studierende zu befähigen, Museumspraxis (und damit seit der Moderne fast immer auch Ausstellungspraxis) wissenschaftlich fundiert zu reflektieren. Zu diesem Zweck geben wir Lehrenden den Studierenden eine kleine Werkzeugkiste mit auf den Weg, die im Verlauf des Studiums gefüllt und auch schon praktisch ausprobiert wird.

Zu Beginn des Studiums werden die kulturwissenschaftlichen Instrumente geschärft: Arbeit am Begriff, Theorien über das Museum, die Inspektion sich verändernder Vermittlungsziele, Methoden zur Entschlüsselung von Sammlungs-, Inventarisierungs- und Ausstellungskonzepten. Die Basis-Texte, die wir dazu gemeinsam lesen, entstammen oft der sogenannten „Neuen Museologie“, die sich seit den 1980er Jahren u.a. aus den Cultural Studies entwickelt hat. Das Museum wird als Institution des kulturellen Gedächtnisses wie auch der Wissensproduktion kritisch befragt; es wird nicht nur am Museum geforscht – etwa über ausgewählte Sammlungsbestände – sondern Museum, Ausstellung und ihre gesellschaftlichen Wirkungen werden selbst zum Forschungsobjekt. Was ist das für ein gesellschaftliches Gedächtnis, das in enger Verflechtung mit Nationalstaat und Kolonialismus gebildet wurde? Was für ein kulturelles Erbe, dessen Zugänge von Spezialisten bewacht werden und das in Kunstmuseen noch immer mehr weibliche Akte männlicher Künstler als Werke von Künstlerinnen zeigt? Was ist das für ein Wissen, das auf Dingen beruht, die aus ihren Gebrauchszusammenhängen genommen und in eigens erstellten Gebäuden versammelt sind? Welche Zusammenhänge und Entwicklungen werden uns nahegebracht, einfach dadurch, dass wir im Gehen schauen und dabei den durch die Ausstellungsmacher*innen geprägten Wegen folgen? Verändert sich durch Ausstellungsbesuche unser Gang? Wenn das Museum ein Ort der Kontemplation ist, frei von Konsum, was hat es dann mit den Wechselwirkungen von Vitrine und Schaufester auf sich? Vor allem aber: wer, welche soziale Gruppierung wird im Museum wie repräsentiert – und wer nicht?

Die unermüdliche Lust am Fragen ist der Antrieb, der die Analyseinstrumente zum Laufen bringt. Sie ist zugleich die Basis des studentischen Ausstellungsprojekts 2016 – und in der titelgebenden Zuspitzung „Offen gefragt“ ungewöhnlich.
Alle Museums-Studierenden eines Jahrgangs machen vorbereitend im zweiten und mit vollem Einsatz dann im dritten Semester gemeinsam eine eigene Ausstellung, um mit dem Gelernten frei, in einem halbwegs geschützten Raum, zu experimentieren, ehe der Alltagsdruck im Museum in oft fest gefahrene Routinen zwingt. Das studentische Ausstellungsteam 2016 ist das erste, das – ganz im Sinne „Neuer Museologie“ – Ausstellungen selbst zum Thema macht. Ein solch abstraktes Thema umzusetzen – und das anhand von Fragen – ist eine riesige Herausforderung.

Wie bei allen konsequent angewandten Konzepten gibt es auch hier klar erkennbare Gewinne und Verluste. So haben wir immer wieder über den Status der Ausstellungobjekte diskutiert. Ja, hier wird nicht, wie in der Vergangenheit oft gefordert (und selten umgesetzt), von den Dingen ausgegangen. In der vorliegenden Ausstellung dienen die Exponate letztlich der Illustrierung von Thesen. Ungewöhnlich ist die Offenheit, mit der die Ausstellungsmacherinnen dazu stehen. Allerdings scheint immer wieder ein gewisser Eigensinn der Objekte und ihrer Geschichten auf. Das ist gut, um, im Zusammenspiel mit der Ausstellungsgestaltung, die Balance zu halten – eine Ausstellung, die einem aufgeschlagenen Buch gleicht, wäre in meinen Augen ein zu großer Verlust. Eine Ausstellung mit dem Ziel der „Reflexion von Museumspraxis“ hingegen, die mit zuweilen spielerischen Mitteln agiert und nicht zuletzt auf körperliche Erkenntnis setzt, die mit dem Raum arbeitet, Dinggruppen zueinander ins Verhältnis setzt und bewusst mit dem Material des Innenausbaus umgeht, kann ein deutlicher Gewinn für die Besucher*innen sein. Nicht zuletzt ordnet sich eine explizit erkenntnisorientierte Ausstellung einer erneuten Tendenz zu „Aufklärungsausstellungen“ zu – man denke an die jüngste Hamburger Ausstellung zu „Globalisierung“.

Für das studentische Team ist das diesjährige Ausstellungsprojekt fraglos schon vor Ausstellungsende ein Gewinn: ein riesiger Zuwachs an Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Gruppe hat weitestgehend eigenständig nicht allein das Thema bearbeitet, sondern den Raum ausgesucht, Versicherungen abgeschlossen, Vermittlungsweisen bedacht, Gelder eingeworben, den Leihverkehr abgewickelt, Flyer und Plakate entworfen, Texte formuliert, das Gestaltungskonzept entwickelt, ein Begleitprogramm auf die Beine gestellt, die Ausstellung eigenhändig aufgebaut, sich immer wieder zusammengerauft…bestimmt habe ich noch vieles vergessen. Und das alles mit knappem Budget und in begrenzter Zeit – die Studierenden hatten umgerechnet nur etwa drei Monate Vollzeit, verteilt auf ein knappes Jahr, zur Verfügung… Auch von dieser Begrenzung spricht die Ausstellung – und von allem, was das Team durch sein Engagement dennoch umsetzen konnte.


Prof. Dr. Karen Ellwanger ist Direktorin des Instituts für Materielle Kultur und Sprecherin des fächerübergreifenden Studiengangs „Museum und Ausstellung“. Sie hat mit Norma Mack das Ausstellungsprojekt als Lehrende begleitet.